Erster Geburtstag!

Als ich meinen Blog am 10. August vor einem Jahr von privat auf öffentlich umstellte, schien mir WordPress ein Dickicht, von dem ich mir nicht vorstellen konnte, jemals gefunden oder gar gelesen zu werden. Ich hatte auch keine Idee, wie ich Blogs finden sollte, die mich interessieren. Nach ein paar Tagen erschien ein roter Punkt, der mir wie das Zeichen eines Ufos vorkam, und ich hatte meinen ersten Follower. Über die Likes in dessen Blog klickte ich mich von Profil zu Profil und ein immer größer werdendes Netz breitete sich vor mir aus. Nächtelang las ich und fand mehr und mehr Blogs, die mich ansprachen, fand EUCH. Die ersten Kommentare und Likes erschienen bei mir, ich wurde tatsächlich gelesen, ich war berührt.

Früher bloggte ich nur über persönliche Themen, was mich belastete. Ich löschte meine alten Blogs und wollte bei WP nur noch themenbezogen schreiben. Die Existenz von Bücherblogs war mir unbekannt, ich wählte einfach ein Thema, das mich beschäftigt. Dann entdeckte ich die renommierten Bücherblogs, aber als einen solchen hatte ich meinen Blog nie verstanden. Ich wollte keine Rezensionen schreiben, sondern subjektive Eindrücke zu Büchern, Gedanken über das Gelesene und das Schreiben. Durch die freundlichen Reaktionen auf meine Beiträge wuchs jedoch mein Vertrauen, auch wieder Persönliches zu bloggen.

Ich möchte mich bei Euch allen bedanken, die mich lesen; bei denen, die mich still lesen und bei denen, die mir Likes schenken oder ein freundliches Wort. Ich freue mich jedes Mal, wenn ein bekanntes (oder auch unbekanntes) „Gesicht“ unter meinem Beitrag auftaucht. Ich möchte mich genauso für Eure großartigen Blogs bedanken und für unseren fruchtbaren Austausch, den ich in dieser Form in meinem Leben nicht habe, und der mich ungemein bereichert. Nie hätte ich vor einem Jahr damit gerechnet, hier so wunderbare Menschen und Gespräche zu finden.

Danke!

 

Das Glück als Gaukler

Es war noch einmal gut gegangen. Es war schon so viele Male gut gegangen. Und immer unsere Erleichterung. Unsere Freude, daß es uns vergönnt war, weiterzuleben. Er strahlte mich an. Wie sehr ich sein Lächeln mag. Die Sonne schien von einem freundlichen Himmel, wir saßen im Garten und schmiedeten Pläne, das können wir ja jetzt wieder. Die Amsel kam und sang für uns ein Lied. Ich weinte. Ich weinte mein Kissen nass. Das sind die schlimmsten Träume, aus dem Glück zu erwachen und zu wissen, daß es nur eine Botschaft war. Ein Rückblick beim Sturz in die Gletscherspalte. Und die Amsel… wird sie jetzt nur für mich singen?

Frauen der Surrealisten (3)

Auch Elsa Triolet gehörte zum Kreis der Surrealisten in Paris und war von einem ganz anderen Wesen als Simone Breton  und Gala Éluard Dalí. Gala war erfüllt durch ihre Selbstdarstellung in den Künstlerkreisen; Simone ordnete sich ihrem Mann unter und war erst nach der Trennung in der Lage, ihre künstlerischen Ambitionen zu entfalten; Elsa hingegen hatte schon früh das Ziel, durch eine gemeinsame Arbeit mit einem Mann verbunden zu sein und war auch während ihrer Ehe schriftstellerisch tätig.

Elsa Triolet wird 1896 in Moskau geboren, liebt als Kind Gedichte und schreibt Tagebuch. Die Ehe mit ihrem ersten Mann André Triolet beendet sie, als sie merkt, daß er ein Mann ist, „der keine Verse schreibt.“ Sie selbst schreibt, anfangs aber nur für sich, zweifelt an ihrem Talent. Kein geringerer als Gorkij entdeckt sie, der auch für Isaak Babel das Sprungbrett zum Erfolg war, und sie beginnt, ihre Texte zu veröffentlichen und Bücher zu schreiben.

Einsamkeit und Sehnsucht nach intellektuellem Leben und Künstlerkreisen führen sie nach London und Paris, aber ihre Traurigkeit und ein Gefühl der Abgetrenntheit von den Menschen bleiben. Erst in Louis Aragon findet sie einen Mann, der ihr Außenseitergefühl teilt und mit dem sie gemeinsame Vorstellungen verbindet.

Sie beginnen, sich von der Surrealistengruppe zu lösen, nicht nur weil deren Einstellung, Frauen keine Individualität zuzuerkennen, für sie indiskutabel ist, und sie sich eine Ehe wünschen, die „eine Entdeckungsfahrt in geistiger Gemeinschaft“ sein soll; auch politisch gibt es immer weniger Gemeinsamkeiten. Aragon entwickelt durch Elsa eine Nähe zur russischen Literatur und Sprache, sie engagieren sich in der KPF und schwenken zur sowjetischen Parteilinie –

Unda Hörner legt ihren Schwerpunkt auf die Rolle der Frauen in den surrealistischen Gruppen und nicht auf literarische und politische Aspekte, ohne die das Leben Elsa Triolets jedoch unvollständig bleibt und Stoff für einen separaten Beitrag bietet. Über Elsas und Aragons politischen Weg schreibt Hörner zwar ausführlicher, auch er ist einen eigenen Beitrag wert, aber sie bleibt politisch an der Oberfläche, macht nicht deutlich, daß Aragon ein stalinistischer Schriftsteller war. Hörner versucht einen Spagat, Elsas Leben zu skizzieren und politische Analysen nicht in den Vordergrund ihres Themas zu stellen.

So bleibt die Beschreibung Elsas heute vorerst unvollständig. Zu dem Thema Frauen der Surrealisten sei abschließend gesagt, daß eine Frau bei den Surrealisten keinen guten Stand hatte, und nur Elsa von den drei skizzierten Frauen es geschafft hat, einen eigenen künstlerischen Weg zu gehen. Die Surrealisten waren m.E. unreife Träumer, die freie Liebe propagierten und Frauen mystifizierten, aber nur im Namen der Männerwelt, und ihre eigenen Gattinnen waren von ihren „modernen“ Ideen ausgeschlossen.

Wer keine literarischen Informationen sucht, sondern einen Blick hinter die Kulissen des Pariser surrealistischen Treibens, ist mit diesem Buch gut bedient.

 

Unda Hörner
Die realen Frauen der Surrealisten. Simone Breton, Gala Éluard, Elsa Triolet
240 S., Suhrkamp Taschenbuch 1998

Der falsche Blick

Warum meinen Menschen, andere beurteilen zu müssen oder, schlimmer, beurteilen zu können. Journalisten müssen das wohl für ihren Broterwerb, die Menschen wollen das lesen. Aber ich bezweifle, ob sie sich ihrer Verantwortung beim Schreiben immer bewusst sind.

Ich mochte ihn nicht. Oder er interessierte mich nicht. Es war nicht schwer, ihn zu meiden, weil meine Fußballfreude in den letzten Jahren sowieso gelitten hatte. Aber die großen Turniere sehe ich mir an.

Also kam ich während der EM nicht an ihm vorbei, dauernd war er Gesprächsstoff in den Medien, er war mir unsympathisch und ich konnte nicht nachvollziehen, wie man ihn mögen kann. Dieses Gehabe, diese Angeberei, die blöden Posen.

Dann kam das Endspiel. Schon als die Nationalhymne gespielt wurde, fiel mir eine bisher unentdeckte Weichheit in seinem Gesicht auf. Ich wunderte mich, schenkte dem Gesehenen aber vorerst keine Beachtung.

Und dann kam der Zusammenstoß mit Payet. Cristiano Ronaldo krümmte sich vor Schmerz und brach weinend auf dem Rasen zusammen. Keine Posen, kein Gehabe, kein Blick für die Kamera. Da saß einfach ein verzweifelter Junge, dem klar wurde, daß er in seinem Endspiel nicht würde spielen können.

Einer jener seltenen Momente der Gnade, wenn jemandes Maske fällt und man das Gesicht eines Menschen sehen darf. Einen Menschen zu sehen hat etwas zutiefst Berührendes. Ich hatte mich jahrelang lumpen lassen, indem ich auf die Show reingefallen war, nicht einmal auf die Idee gekommen war, hinter der Maskerade etwas anderes zu vermuten. Ich, die sich mit ihren Bemühungen brüstet, Menschen sehen zu wollen. Nicht einmal ein Versuch war es mir wert.

Und plötzlich war mir egal, was über ihn gesagt wurde und ob er affektiert ist oder nicht. Warum immer alles beurteilen. Aber nur das Weinen war es nicht, was meine Erschütterung ausgelöst hatte. Ich sah plötzlich, was Ronaldos ständiges Getue soll. Mit einem Schlag wurde mir klar, darum geht es gar nicht. Sein vermeintlich übertriebenes Verhalten hat seinen Ursprung in einem Wesen, das in extrem ausgeprägtem Maße empfindungsfähig ist. Ronaldos hohe Empfindungsfähigkeit war es, die mich bis ins Mark traf.

Empfindungen sind nicht gerade das, was sich in unserer Gesellschaft großer Beliebtheit erfreut. Alles muss angepasst und schön gemäßigt sein, oft sind Gefühle verdrängt, abgestumpft oder gar nicht mehr vorhanden. Ronaldos Gefühle sind alles andere als gemäßigt. Aber in unserer Welt herrschen andere Werte vor. Ich musste an die Worte meines Vaters denken, der einmal über die heutige Welt gesagt hatte, er verstehe das nicht, früher hätten doch Gefühle im Mittelpunkt des Lebens gestanden. Ich schämte mich, daß ich mich, ohne es zu merken, dem Urteil der Medien gebeugt hatte, nur Ronaldos Außenwirkung gesehen und ihn verurteilt hatte. Dabei hatte ich gar nicht hingesehen. Etwas Kostbares war mir entgangen. Ich mag Ronaldo jetzt. Und bei der nächsten Extravaganz werde ich einfach lächeln.

 

Das geschriebene Wort

Als junges Mädchen war Schreiben für mich eine seelische Notwendigkeit. Ich konnte nicht ohne sein, beschrieb jedes Blatt, stapelhoch Tagebücher, an jedem Ort und heimlich am Arbeitsplatz. Ich sagte, mir könne nichts passieren, das Schreiben sei immer da und könne jeden Schmerz in Worte wandeln. Wie sehr ich mich irrte. Ich erlitt eine Erschütterung, die mich verstummen ließ. Schlimmer, einen Stift in die Hand zu nehmen und nur ein Wort auf Papier zu bringen stieß mich in dunkle Schluchten.

Ich musste Schreiben neu lernen und Stil und Intention änderten sich. Nicht mehr der Vorgang des Schreibens hatte nun etwas Erlösendes, sondern das Ergebnis, einen Text geschaffen zu haben. Die Schöpfung, Schleier und Dunst zu etwas Sichtbarem zu machen. Die unaufhörlich durch Kopf und Gemüt ziehenden Nebelschwaden einzufangen, der Versuch, aus ihnen Geist werden zu lassen.

Früher schrieb ich für mich, verbarg sorgsam jegliches Geschriebene, bis eines Nachts – meine Bücher sahen mich gerade besonders freundlich an – ein Vorhang fiel und ich erkannte, daß ich all diese wunderbaren Menschen nur lesen konnte, weil sie ihre Texte nicht verbargen, daß sie mich nur deshalb bereichern konnten, weil sie einige ihrer Gedanken, Einfälle und Erlebnisse und ihr Wissen preisgaben.

Zaghaft begann ich zu bloggen (die alten Blogs gibt es nicht mehr), band ein paar ausgewählte alte Texte zu kleinen Büchern und verschenkte sie. Es fällt mir immer noch schwer, ich neige dazu, für mich zu schreiben, und Schreiben behielt etwas Schmerzhaftes, aber dann erinnere ich mich der Dankbarkeit für jeden schreibenden Menschen. Es braucht nicht betont zu werden, daß Bücher, Zeitungen, Blogs, daß das geschriebene Wort uns unendlich bereichert, und es ist eine Form von Geiz, seine Gedanken und Texte in der stillen Kammer einzuschließen.

Warum schreibt Ihr? Ich freue mich über Kommentare oder Links zu Euren Beiträgen.