Schmetterlingsnetz

Ich bin Alexandra, und du?“ begrüßte mich die neue Nachbarin. Sie stand am Zaun und fütterte die Pferde. Genaugenommen bin ich die neue Nachbarin, Alexandra wohnt hier schon fünf Jahre und ich bin gerade eingezogen, in der Orientierungsphase sozusagen. Das Du war mir angenehm, wenn auch ungewöhnlich in der spröden Gegend, in die ich nicht passe, mein ganzes Leben nicht passte, oft aneckte, wenn ich die Abstandregeln nicht einhielt, die aus nicht Lächeln und Unverbindlichkeit bestehen und so gar nicht meinem Naturell entsprechen, aber ich habe gelernt, mich anzupassen. Seitdem habe ich weniger Freunde. Nachdem uns der Gesprächsstoff über die Pferde ausgegangen war, fragte Alexandra, was mich in diese Gegend verschlagen hätte. Das frage ich mich auch, doch bevor ich mir eine Antwort überlegen konnte, schlug sie einen vertraulichen Ton an, „ein Mann?“, fragte sie und dämpfte die Stimme, obwohl uns nur die Pferde hören konnten. Dabei kam sie einen Schritt näher, als wenn sie ein pikantes Gespräch von Frau zu Frau erwartete. Ein leichter Dunst von Alkohol wehte mich an, und ich fragte mich, ob sie eine einsame Frau ist. Ihre Augen waren von einem hellen Grün, das beständig ins Grau wechselte, aber vielleicht war das nur der Schatten der Bäume. Ob ich ein Auto hätte, fragte sie unvermittelt, und mein Instinkt, der früher reagiert als der Verstand, erzeugte in mir ein leichtes Unbehagen. Vorsichtig bejahte ich. Sie riss die Augen auf, deren Farbe jetzt in ein noch helleres Grün wechselte und an eine Katze erinnerten, die eine Beute entdeckt hatte und ihren Körper zum Sprung anspannte. „Du kannst mein Engel sein“, sagte Alexandra und trat noch näher an mich heran, dann könnte ich sie ja wöchentlich zum Einkaufen fahren und sie müsste nicht mehr den Bus nehmen, freitags würde ihr passen, sie würde dann bei mir klingeln, wenn wir losfahren können. Gebranntes Kind, das ich bin, verschlagen Dreistigkeit und Vereinnahmung mir von jeher die Sprache und löschen jegliche Schlagfertigkeit in meinem Gehirn. Wie ein Schmetterling im Netz flatterte meine Seele und suchte den Ausgang. Erst im Hause erlangte ich meine Fassung zurück. Es gibt Menschen, die einem den Atem abschnüren, bei denen Fragen, Bitten und Befehl ineinander übergehen. Übergriffig nennt man das wohl. Und es gibt Menschen, die sich leicht einfangen lassen. Unverbindlichkeit und nicht Lächeln haben auch ihre Vorteile. Sie wären ein Wall gegen ihr Fangnetz gewesen. Morgen werde ich ihr sagen, daß ich keinen Fahrdienst übernehme. Sie anlächeln werde ich trotzdem.

Ashes and Snow

Eines Tages
wenn die Welt zur Ruhe gekommen ist
und alle Wesen reine Liebe sind
Eines Tages
wenn Mensch und Tier im Einklang miteinander leben
in Achtung voreinander
Geborgenheit…
Aufgehobensein…

…meine Gedanken zu Ashes and Snow von Gregory Colbert.

Gregory Colbert wurde 1960 in Toronto geboren. Er ist Fotograf und Filmemacher. Seine berühmteste Ausstellung ist Ashes and Snow aus dem Jahre 2002, die aus 200 Fotografien und einem einstündigen Dokumentarfilm besteht. Für diese Arbeit bereiste er zehn Jahre lang 27 Länder, um nach der Beziehung zwischen Mensch und Tier zu suchen. Hier ein Ausschnitt, bei dem ich mich immer in Demut vor der Schöpfung verneigen möchte.

 

 

https://m.gregorycolbert.com

http://gregorycolbert.tumblr.com/

https://en.wikipedia.org/wiki/Gregory_Colbert

https://www.poster.de/kunstler-biografie/gregory-colbert.html

Erster Geburtstag!

Als ich meinen Blog am 10. August vor einem Jahr von privat auf öffentlich umstellte, schien mir WordPress ein Dickicht, von dem ich mir nicht vorstellen konnte, jemals gefunden oder gar gelesen zu werden. Ich hatte auch keine Idee, wie ich Blogs finden sollte, die mich interessieren. Nach ein paar Tagen erschien ein roter Punkt, der mir wie das Zeichen eines Ufos vorkam, und ich hatte meinen ersten Follower. Über die Likes in dessen Blog klickte ich mich von Profil zu Profil und ein immer größer werdendes Netz breitete sich vor mir aus. Nächtelang las ich und fand mehr und mehr Blogs, die mich ansprachen, fand EUCH. Die ersten Kommentare und Likes erschienen bei mir, ich wurde tatsächlich gelesen, ich war berührt.

Früher bloggte ich nur über persönliche Themen, was mich belastete. Ich löschte meine alten Blogs und wollte bei WP nur noch themenbezogen schreiben. Die Existenz von Bücherblogs war mir unbekannt, ich wählte einfach ein Thema, das mich beschäftigt. Dann entdeckte ich die renommierten Bücherblogs, aber als einen solchen hatte ich meinen Blog nie verstanden. Ich wollte keine Rezensionen schreiben, sondern subjektive Eindrücke zu Büchern, Gedanken über das Gelesene und das Schreiben. Durch die freundlichen Reaktionen auf meine Beiträge wuchs jedoch mein Vertrauen, auch wieder Persönliches zu bloggen.

Ich möchte mich bei Euch allen bedanken, die mich lesen; bei denen, die mich still lesen und bei denen, die mir Likes schenken oder ein freundliches Wort. Ich freue mich jedes Mal, wenn ein bekanntes (oder auch unbekanntes) „Gesicht“ unter meinem Beitrag auftaucht. Ich möchte mich genauso für Eure großartigen Blogs bedanken und für unseren fruchtbaren Austausch, den ich in dieser Form in meinem Leben nicht habe, und der mich ungemein bereichert. Nie hätte ich vor einem Jahr damit gerechnet, hier so wunderbare Menschen und Gespräche zu finden.

Danke!

 

Das Glück als Gaukler

Es war noch einmal gut gegangen. Es war schon so viele Male gut gegangen. Und immer unsere Erleichterung. Unsere Freude, daß es uns vergönnt war, weiterzuleben. Er strahlte mich an. Wie sehr ich sein Lächeln mag. Die Sonne schien von einem freundlichen Himmel, wir saßen im Garten und schmiedeten Pläne, das können wir ja jetzt wieder. Die Amsel kam und sang für uns ein Lied. Ich weinte. Ich weinte mein Kissen nass. Das sind die schlimmsten Träume, aus dem Glück zu erwachen und zu wissen, daß es nur eine Botschaft war. Ein Rückblick beim Sturz in die Gletscherspalte. Und die Amsel… wird sie jetzt nur für mich singen?

Frauen der Surrealisten (3)

Auch Elsa Triolet gehörte zum Kreis der Surrealisten in Paris und war von einem ganz anderen Wesen als Simone Breton  und Gala Éluard Dalí. Gala war erfüllt durch ihre Selbstdarstellung in den Künstlerkreisen; Simone ordnete sich ihrem Mann unter und war erst nach der Trennung in der Lage, ihre künstlerischen Ambitionen zu entfalten; Elsa hingegen hatte schon früh das Ziel, durch eine gemeinsame Arbeit mit einem Mann verbunden zu sein und war auch während ihrer Ehe schriftstellerisch tätig.

Elsa Triolet wird 1896 in Moskau geboren, liebt als Kind Gedichte und schreibt Tagebuch. Die Ehe mit ihrem ersten Mann André Triolet beendet sie, als sie merkt, daß er ein Mann ist, „der keine Verse schreibt.“ Sie selbst schreibt, anfangs aber nur für sich, zweifelt an ihrem Talent. Kein geringerer als Gorkij entdeckt sie, der auch für Isaak Babel das Sprungbrett zum Erfolg war, und sie beginnt, ihre Texte zu veröffentlichen und Bücher zu schreiben.

Einsamkeit und Sehnsucht nach intellektuellem Leben und Künstlerkreisen führen sie nach London und Paris, aber ihre Traurigkeit und ein Gefühl der Abgetrenntheit von den Menschen bleiben. Erst in Louis Aragon findet sie einen Mann, der ihr Außenseitergefühl teilt und mit dem sie gemeinsame Vorstellungen verbindet.

Sie beginnen, sich von der Surrealistengruppe zu lösen, nicht nur weil deren Einstellung, Frauen keine Individualität zuzuerkennen, für sie indiskutabel ist, und sie sich eine Ehe wünschen, die „eine Entdeckungsfahrt in geistiger Gemeinschaft“ sein soll; auch politisch gibt es immer weniger Gemeinsamkeiten. Aragon entwickelt durch Elsa eine Nähe zur russischen Literatur und Sprache, sie engagieren sich in der KPF und schwenken zur sowjetischen Parteilinie –

Unda Hörner legt ihren Schwerpunkt auf die Rolle der Frauen in den surrealistischen Gruppen und nicht auf literarische und politische Aspekte, ohne die das Leben Elsa Triolets jedoch unvollständig bleibt und Stoff für einen separaten Beitrag bietet. Über Elsas und Aragons politischen Weg schreibt Hörner zwar ausführlicher, auch er ist einen eigenen Beitrag wert, aber sie bleibt politisch an der Oberfläche, macht nicht deutlich, daß Aragon ein stalinistischer Schriftsteller war. Hörner versucht einen Spagat, Elsas Leben zu skizzieren und politische Analysen nicht in den Vordergrund ihres Themas zu stellen.

So bleibt die Beschreibung Elsas heute vorerst unvollständig. Zu dem Thema Frauen der Surrealisten sei abschließend gesagt, daß eine Frau bei den Surrealisten keinen guten Stand hatte, und nur Elsa von den drei skizzierten Frauen es geschafft hat, einen eigenen künstlerischen Weg zu gehen. Die Surrealisten waren m.E. unreife Träumer, die freie Liebe propagierten und Frauen mystifizierten, aber nur im Namen der Männerwelt, und ihre eigenen Gattinnen waren von ihren „modernen“ Ideen ausgeschlossen.

Wer keine literarischen Informationen sucht, sondern einen Blick hinter die Kulissen des Pariser surrealistischen Treibens, ist mit diesem Buch gut bedient.

 

Unda Hörner
Die realen Frauen der Surrealisten. Simone Breton, Gala Éluard, Elsa Triolet
240 S., Suhrkamp Taschenbuch 1998

Der falsche Blick

Warum meinen Menschen, andere beurteilen zu müssen oder, schlimmer, beurteilen zu können. Journalisten müssen das wohl für ihren Broterwerb, die Menschen wollen das lesen. Aber ich bezweifle, ob sie sich ihrer Verantwortung beim Schreiben immer bewusst sind.

Ich mochte ihn nicht. Oder er interessierte mich nicht. Es war nicht schwer, ihn zu meiden, weil meine Fußballfreude in den letzten Jahren sowieso gelitten hatte. Aber die großen Turniere sehe ich mir an.

Also kam ich während der EM nicht an ihm vorbei, dauernd war er Gesprächsstoff in den Medien, er war mir unsympathisch und ich konnte nicht nachvollziehen, wie man ihn mögen kann. Dieses Gehabe, diese Angeberei, die blöden Posen.

Dann kam das Endspiel. Schon als die Nationalhymne gespielt wurde, fiel mir eine bisher unentdeckte Weichheit in seinem Gesicht auf. Ich wunderte mich, schenkte dem Gesehenen aber vorerst keine Beachtung.

Und dann kam der Zusammenstoß mit Payet. Cristiano Ronaldo krümmte sich vor Schmerz und brach weinend auf dem Rasen zusammen. Keine Posen, kein Gehabe, kein Blick für die Kamera. Da saß einfach ein verzweifelter Junge, dem klar wurde, daß er in seinem Endspiel nicht würde spielen können.

Einer jener seltenen Momente der Gnade, wenn jemandes Maske fällt und man das Gesicht eines Menschen sehen darf. Einen Menschen zu sehen hat etwas zutiefst Berührendes. Ich hatte mich jahrelang lumpen lassen, indem ich auf die Show reingefallen war, nicht einmal auf die Idee gekommen war, hinter der Maskerade etwas anderes zu vermuten. Ich, die sich mit ihren Bemühungen brüstet, Menschen sehen zu wollen. Nicht einmal ein Versuch war es mir wert.

Und plötzlich war mir egal, was über ihn gesagt wurde und ob er affektiert ist oder nicht. Warum immer alles beurteilen. Aber nur das Weinen war es nicht, was meine Erschütterung ausgelöst hatte. Ich sah plötzlich, was Ronaldos ständiges Getue soll. Mit einem Schlag wurde mir klar, darum geht es gar nicht. Sein vermeintlich übertriebenes Verhalten hat seinen Ursprung in einem Wesen, das in extrem ausgeprägtem Maße empfindungsfähig ist. Ronaldos hohe Empfindungsfähigkeit war es, die mich bis ins Mark traf.

Empfindungen sind nicht gerade das, was sich in unserer Gesellschaft großer Beliebtheit erfreut. Alles muss angepasst und schön gemäßigt sein, oft sind Gefühle verdrängt, abgestumpft oder gar nicht mehr vorhanden. Ronaldos Gefühle sind alles andere als gemäßigt. Aber in unserer Welt herrschen andere Werte vor. Ich musste an die Worte meines Vaters denken, der einmal über die heutige Welt gesagt hatte, er verstehe das nicht, früher hätten doch Gefühle im Mittelpunkt des Lebens gestanden. Ich schämte mich, daß ich mich, ohne es zu merken, dem Urteil der Medien gebeugt hatte, nur Ronaldos Außenwirkung gesehen und ihn verurteilt hatte. Dabei hatte ich gar nicht hingesehen. Etwas Kostbares war mir entgangen. Ich mag Ronaldo jetzt. Und bei der nächsten Extravaganz werde ich einfach lächeln.